Kohleausstieg in Polen mit guten Aussichten
Kohle ist in vielen polnischen Regionen mehr als ein Energieträger. Sie bedeutet für die Bewohner*innen Arbeit, Familiengeschichte und regionale Identität. Bergwerke haben in Oberschlesien und Ostgroßpolen die Städte über Jahrzehnte geprägt. Sie haben Einkommen gesichert und Gemeinschaften zusammengehalten. Wer dort über Kohleausstieg spricht, spricht deshalb nie nur über Klimapolitik. Man spricht über Lebensläufe, Stolz, Sicherheit, Würde und die Frage, ob eine Region auch morgen noch eine Zukunft hat. Genau deshalb ist der sozialgerechte Wandel politisch sensibel.
EUKI-Projekte unterstützen in polnischen Bergbauregionen einen sozial gerechten Strukturwandel
Für viele Menschen in Kohleregionen klingt Klimaschutz zunächst nach Verzicht, Arbeitsplatzverlust oder Entscheidungen, die weit entfernt in Warschau oder Brüssel getroffen werden. In klassischen Bergbauregionen reicht es daher nicht aus, abstrakt über Emissionen, Ziele oder Technologien zu sprechen. Vielmehr ist es wichtig, die Auswirkungen der Veränderungen auf das Leben der Menschen zu verstehen. Der Aufbau von Vertrauen bei den lokalen Gemeinschaften ist für die Dekarbonisierung der Kohleregionen unerlässlich. Dieses Vertrauen kann nur entstehen, wenn die vom Wandel Betroffenen erkennen, dass ihnen nichts weggenommen wird. Der Fokus sollte daher darauf liegen, neue und sozial gerechte Perspektiven zu schaffen.
Hier setzten die Projekte der Europäischen Klimaschutzinitiative (EUKI) an. Sie vermieden fertige Antworten von außen, sondern unterstützten die Bewohner in polnischen Kohleregionen mit einem Ansatz, der auf Zuhören, Beteiligung und praktischer Zusammenarbeit beruht. Der Ausgangspunkt war einfach, aber entscheidend: Wer vom Strukturwandel betroffen ist, muss ihn mitgestalten können.
EUKI brachte in den ersten Projekten Akteure zusammen, die zuvor oft nebeneinander oder sogar gegeneinander arbeiteten: Kommunen, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Unternehmen und politische Entscheidungsträger. Aus Misstrauen entstanden erste Dialogräume. Aus abstrakten Debatten wurden konkrete Fragen: Welche Arbeitsplätze können in der Region entstehen? Welche Kompetenzen bringen Bergleute mit? Welche Investitionen werden gebraucht? Wie können Kommunen, Unternehmen und Bürger*innen gemeinsam planen?
Ein wichtiger Schritt war, den gerechten Strukturwandel in den Regionen selbst greifbar zu machen. In Schlesien und Ostgroßpolen wurden sozioökonomische Analysen, Workshops und Studienreisen organisiert. Lokale Akteure konnten sehen, wie andere Kohleregionen in Europa mit ähnlichen Herausforderungen umgehen. Besonders die deutsch-polnische Zusammenarbeit zwischen Ostgroßpolen und der Lausitz zeigte: Strukturwandel ist kein theoretisches Konzept. Er kann geplant, verhandelt und gestaltet werden.

Vom Dialog zur Mitgestaltung
Diesen Perspektivwechsel bereitete das EUKI-Projekt „Just Transition Ost- und Südeuropa“ vor. In acht Capacity-Building-Workshops lernten über 240 Teilnehmende aus den Kohleregionen Bulgariens, Deutschlands, Griechenlands und Polens mehr über konkrete Lösungsansätze. Das Wissen wurde durch vier Studienreisen noch vertieft.
An dem Austausch nahmen lokale Verwaltungen und Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, Journalist*innen sowie politische Entscheidungsträger auf nationaler und europäischer Ebene teil. Als unmittelbares Ergebnis entstand das „Forum of Mayors on Just Transition“. Was als Dialogformat begann, entwickelte sich zu einer gemeinsamen kommunalen Stimme. Im ersten Projekt unterzeichneten 53 Bürgermeister*innen die „Declaration of Mayors on Just Transition“.
Das Folgeprojekt Regionen und Kommunen für einen gerechten Kohleausstieg verstetigte das Netzwerk; bis zum Projektende hatten 72 Kommunen die Erklärung unterzeichnet. Mit Unterstützung der European Climate Foundation wurde zudem ein ständiges Sekretariat aufgebaut. So erhielten Städte und Gemeinden aus Kohleregionen eine Struktur, über die sie ihre Erfahrungen bündeln und gegenüber nationalen Regierungen und EU-Institutionen vertreten konnten.
In Folge ermittelten drei vom Projekt durchgeführten Studien, welche Arbeitsplätze durch den Kohleausstieg gefährdet sind und wo neue Beschäftigung entstehen kann. Die Ergebnisse wurden auf der EU Coal Regions in Transition Platform vor mehr als 500 Vertreter*innen aus EU-Institutionen, Regionen, Unternehmen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen vorgestellt. Damit erreichten die Erfahrungen aus den Regionen nicht nur die lokale Debatte, sondern auch die europäische Politik.

Als Beteiligung politische Planung veränderte
In Konin, einer Industriestadt im östlichen Großpolen (Wielkopolska) wurde aus dem bloßen Dialog ein formaler Beteiligungsprozess. Das EUKI-Projekt Just Transition Lab brachte hier Kommunen, Bergleute, Unternehmen, Jugendorganisationen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Konin Partnership Forum zusammen. Acht Treffen befassten sich unter anderem mit dem Territorialen Plan für einen gerechten Strukturwandel, erneuerbaren Energien, Fernwärme, Energiegemeinschaften, Arbeit, Kultur und der Beteiligung junger Menschen.
Die Projektpartner „Polish Green Network“ und „Green Future Institute“ arbeiteten mit weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen in der regionalen Arbeitsgruppe am Territorialen Just Transition Plan. Aus diesem Prozess gingen 143 Änderungsvorschläge hervor; nach Angaben des Projektabschlussberichts nahm die Regionale Entwicklungsagentur in Konin 80 Prozent davon an. Im Konin Partnership Forum wurden weitere 28 Empfehlungen entwickelt, von denen ebenfalls ein großer Teil Eingang in die Planung fand. Der territoriale Plan für Ostgroßpolen wurde im Dezember 2022 von der Europäischen Kommission genehmigt.
Bei diesem erfolgreichen Prozess gab es einen entscheidenden Unterschied zu üblichen politischen Vorgängen. Die Beteiligten wurden nicht nur informiert oder angehört. Ihre Vorschläge wurden berücksichtigt und veränderten ein offizielles Planungsdokument. Das Dokument bestimmte den Zugang zu europäischen Mitteln und damit die wirtschaftliche Entwicklung der Region mit. Beteiligung wurde vom Gespräch zum politischen Instrument.
Ein ausrangierter Schaufelradbagger wird zum Symbol
Im März 2022 reiste eine zwölfköpfige Delegation aus Ostgroßpolen in die Lausitz. Bergleute, Kommunalvertreter, die Handelskammer und Nichtregierungsorganisationen besuchten unter anderem das Besucherbergwerk F60. Bei zwei Teilnehmern entstand dort die Idee, aus ausgedienten Bergbaumaschinen einen Ort für Industriekultur und Tourismus zu entwickeln. Die Idee lebte weiter über das Projektende hinaus. Der Schaufelradbagger „Dolores“ wurde 2023 vor der Verschrottung gerettet. Heute ist er in Ost-Großpolen öffentlich zugänglich und erinnert zugleich an die industrielle Vergangenheit und an die Suche nach einer Zukunft jenseits der Kohle. Das EUKI-Projekt ermöglichte den Austausch, aus dem die Idee entstand, und stärkte die Netzwerke, die ihre Umsetzung ermöglichten. Genau so zeigt sich Wirkung häufig: nicht als einzelne Maßnahme, sondern als nächster Schritt, den lokale Akteure selbst weitertragen.

Aus Strategien werden Arbeitsplätze
Mit dem Projekt Gerechter Übergang zur Klimaneutralität in polnischen und bulgarischen Kohleregionen rückte anschließend die Arbeitsplatzschaffung in den Mittelpunkt. Gewerkschaften, Kommunen, Klimaorganisationen, Unternehmen und Fachleute entwickelten gemeinsam eine Strategie für kooperative Beschäftigung in Ostgroßpolen. Der Ansatz sollte verhindern, dass Menschen aus dem Kohle- und Energiesektor lediglich verwaltet oder umgeschult werden, ohne dass tragfähige neue Arbeit entsteht. Stattdessen sollten ehemalige Beschäftigte ihre technischen Fähigkeiten, ihre Erfahrung mit schwerem Gerät und ihre regionale Vernetzung in gemeinschaftlich getragenen Unternehmen einsetzen können.
Die Strategie wurde in das mit 200 Millionen Złoty aus dem Just Transition Fund ausgestattete Programm „The Road to Employment After Coal“ aufgenommen. Nach dem Projektabschlussbericht wurden zwei Genossenschaften ehemaliger Bergleute und Beschäftigter des Energiesektors gegründet und über das Programm finanziert. Die erste, SAT Industry, bietet unter anderem Leistungen für die Dekarbonisierung der regionalen Energieinfrastruktur, für erneuerbare Energien sowie für die Reparatur und Modernisierung schwerer Maschinen an. In den neu gegründeten Genossenschaften fanden rund ein Dutzend Menschen Arbeit.
Auch die politischen Rahmenbedingungen wurden weiterentwickelt. Empfehlungen des Projektpartners „Europe, a Patient“ zur nachhaltigen öffentlichen Beschaffung und zur Absicherung von Marktchancen für neue Genossenschaften flossen in das Papier „Reimagining Transition in Eastern Wielkopolska“ der START-Unterstützung der Europäischen Kommission ein. Im Juli 2024 wurde das Modell zudem in einer Sondersitzung des Unterausschusses für gerechten Strukturwandel im polnischen Parlament vorgestellt. Damit wurde aus einer regionalen Idee ein Ansatz, der auch für andere Kohleregionen diskutiert werden kann.
Wirkung mit Kettenreaktion
Der nachweisbare Beitrag der EUKI-Projekte zum polnischen Strukturwandel liegt an einer, für Transformationen entscheidenden Stelle: Sie haben Akteure zusammengebracht, Wissen verfügbar gemacht, Beteiligung organisiert, lokale Vorschläge in offizielle Planung übersetzt und neue Modelle mit europäischen Finanzierungsinstrumenten verbunden.
So entstand über mehrere Projekte hinweg eine Wirkungskette: Ein politisch belastetes Thema wurde enttabuisiert. Aus einzelnen Akteuren wurden regionale Bündnisse. Aus Erfahrungen entstanden konkrete Empfehlungen und Projektideen. Beteiligung veränderte politische Planung. Und aus einer Beschäftigungsstrategie gingen erste Genossenschaften und neue Arbeitsplätze hervor.
Die Zahlen erzählen nur einen Teil dieser Geschichte: 80 Prozent von 143 Änderungsvorschlägen wurden in Ostgroßpolen angenommen; lokale Akteure entwickelten 31 Projektkonzepte; 72 Kommunen schlossen sich der Erklärung des Forum of Mayors an; zwei Genossenschaften ehemaliger Beschäftigter des Kohle- und Energiesektors erhielten eine Finanzierung aus dem Just Transition Fund. Hinter diesen Ergebnissen steht ein grundlegenderer Wandel: Menschen und Institutionen, die sich zunächst als Betroffene sahen, gewannen Wissen, Beziehungen und Handlungsmöglichkeiten, um den Übergang selbst mitzugestalten.
Für polnische Kohleregionen bleibt der Wandel schwierig und konfliktreich. Doch die Erfahrungen aus Ostgroßpolen und Schlesien zeigen, dass der Abschied von der Kohle nicht ausschließlich als Verlustgeschichte erzählt werden muss. Wo industrielle Kompetenz ernst genommen, lokale Stimmen einbezogen und neue Arbeit konkret organisiert wird, kann eine Aussicht auf eine positive Zukunft entstehen.
EUKI hat dazu beigetragen, diese Perspektive Schritt für Schritt aufzubauen: durch kontinuierliche Zusammenarbeit vor Ort. Darin liegt die Wirkung – Der Klimaschutz wird zu einem regionalen Erneuerungsprozess, den Menschen nicht nur erdulden, sondern mit Wissen, Erfahrung und eigenen Ideen gestalten.