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Three4Climate: Städte aus Portugal und Slowenien erkunden Klimaschutzprojekte in Deutschland

von Lisa Schäfer und Eske Eilts, adelphi, Three4Climate

Im Rahmen des Projekts Three4Climate fand vom 4.-6. Mai 2021 eine virtuelle Studienreise nach Bielefeld und Radolfzell statt. Ursprünglich sollten Vertreter*innen der protugiesischen Städte Braga und Loulé sowie der slowenischen Städte Maribor und Kranj persönlich nach Deutschland reisen, um sich vor Ort ein Bild von den Klimaschutzaktivitäten zu machen. Angesichts der Corona-Pandemie, traten die Städte die Studienreise virtuell an – mit Videos, Präsentationen von Fachleuten und live Q&As.

Erster Halt: Bielefeld

Die Studienreise führte die Teilnehmenden am ersten Tag nach Bielefeld. Dort spielt Klimaschutz seit vielen Jahren eine wichtige Rolle, die sich in den letzten Jahren durch starkes zivilgesellschaftliches Engagement der Bielefelder*innen noch verstärkt hat. Für Bürgermeister Pit Clausen ist klar, dass Klimaschutz in alle Lebensbereiche hineinwirken muss, damit die Klimaziele erreicht werden können.

In Bielefeld zählt die Reduzierung von Emissionen im Verkehrssektor zu den aktuellen Schwerpunkten. Zentraler Baustein ist die Entwicklung einer Strategie zur gerechteren Aufteilung des öffentlichen Raums zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmenden. Verkehrsemissionen sollen gesenkt und die Lebensqualität gesteigert werden. Aus diesem Grund wird der Jahnplatz als Verkehrsknotenpunkt einem grundlegenden Umbau unterzogen.

Neben einem Umbau der Infrastruktur geht es auch darum, Bürger*innen Alternativen zum PKW aufzuzeigen. Daran arbeitet der Verein Transition Town e.V. gemeinsam mit dem Umweltamt der Stadt Bielefeld. Der Verein hat in Kooperation mit der Stadtverwaltung ein kostenloses Lastenradverleihsystem etabliert. Die Initiative startete 2016 mit einem Rad, im Sommer 2021 sollen es bereits 10 Räder sein. Das Verleihsystem ist unkompliziert und die Räder eignen sich hervorragend für einen Einkauf auf dem Wochenmarkt am Bielefelder Siegfriedplatz.

Das Fahrradverleihsystem „Siggi“ fördert den Radverkehr und vernetzt sich mit anderen Mobilitätsangeboten. Zusätzlich wurden in Bielefeld mithilfe eines Knotenpunktsystems Alltags- und Freizeitrouten miteinander verbunden. Das aus den Niederlanden bekannte System hilft, die gewählte Route leicht zu erfahren. „Das Fahrrad soll wieder neu entdeckt werden.“, erklärte Olaf Lewald, Leiter des Amtes für Verkehr.

Nächster Halt: Radolfzell

Anschließend ging die Studienreise 600 km südlich, nach Radolfzell, weiter. Dort erklärte Carolina Groß von Fridays for Future: „Es ist wichtig Klimaschutz als ein Gemeinschaftsprojekt und als Fortschritt für die Stadt zu sehen – und dabei Bürger*innen miteinzubeziehen.“ Radolfzell wurde bereits 1989 zur Umwelthauptstadt Deutschlands gekürt– Klimaschutz hat am Bodensee Tradition.

Im klimaneutralen Gewerbegebiet Blurado werden Ökologie und Ökonomie vereint. Damit zeigt die Stadt Radolfzell, wie Fortschritt aussehen kann. Die ca. 5 ha große Gewerbefläche soll künftig Betrieben Platz bieten, die unter anderem durch Nachhaltigkeitskriterien ausgewählt werden. Start-ups  haben die gleichen Chancen wie bewährte Unternehmen. Frank Perchtold von der Wirtschaftsförderung der Stadt Radolfzell stellte klar: „Das Konzept des sustainable business wird immer wichtiger. Es wird immer öfter danach gefragt, was ein Unternehmen für die Nachhaltigkeit tut.“ Das Gewerbegebiet operiert klimaneutral, indem es verschiedene Technologien gleichzeitig vorantreibt: Neben Photovoltaik-Energie und einem nachhaltig-strategischen Gebäude- und Geländedesign, kommt Agrothermie zum Einsatz. Dadurch bleibt eine landwirtschaftliche Nutzung der Fläche gewahrt. Der Projektprozess und Umgang mit den Flächen konnte die Three4Cliamte Partnerkommunen begeistern.

Mit dem Projekt „10.000 Bäume für Radolfzell“ ist die Kleinstadtl beispielgebend dafür, wie Klimaschutz und  ökologische Krise gemeinsam angegangen werden können. Dank beispielhafter Kooperation verschiedenster Akteure werden in den nächsten Jahren 10.000 zusätzliche Bäume gepflanzt. Dabei spielen die Bürger*innen eine entscheidende Rolle: 1.100 Bäume wurden allein durch Angebote für Bürgerbeteiligung gepflanzt und Siedlungsräume nachhaltig aufgeforstet.

Der dritte Tag der virtuellen Studienreise führte die Teilnehmenden in den Radolfzeller Ortsteil Liggeringen. Das „Solarenergiedorf“ hat die Wärmeversorgung innerhalb kürzester Zeit umgekrempelt und ein Nahwärmenetz geschaffen, das einen Beitrag zur Energiewende leistet und sozial verträglich ist. So ist es gelungen, die Hälfte aller Haushalte an das entstandene Nahwärmenetz anzuschließen. Andreas Reinhardt von den Stadtwerken Radolfzell und Ortsvorsteher Hermann Leiz betonten, dass auf Dauer lokale und erneuerbare Lösungen günstiger – und natürlich generationengerechter sind . Um die Radolfzeller*innen von der Energieversorgung aus 20% Sonne und 80% Biomasse aus heimischen Wäldern zu überzeugen, führten sie zahlreiche Bürger*innensprechstunden und 150 Kund*innentermine vor Ort durch. Danach nahm das Projekt durch Mund-zu-Mund Propaganda über den Gartenzaun seinen Lauf. Eine wahre Dorfgemeinschaftsaktion! Zudem wurde die Infrastrukturplanung von Anfang an groß gedacht, sodass der notwendige Bau zur Netzanbindung gleich mit Glasfaserausbau ergänzt wurde. Und nun steht auch schon Liggeringens nächstes Ziel fest: Bis 2025 erster klimaneutraler Ortsteil zu werden!

Letzter Halt: Klimaschutz an Schulen

Die letzte Station der Studienreise widmete sich dem Thema Klimaschutz an Schulen. Dazu besuchten die Teilnehmenden virtuell das Bethel Gymnasium in Bielefeld. Dort wurde eine erfolgreiche Klima AG und die Bielefelder Klimawoche vorgestellt, für die Bundesumweltministerin Svenja Schulze die Schirmherrschaft übernahm. Durch die 2009 gegründete Klima AG des Gymnasium Bethel hat sich Nachhaltigkeit zu einem Teil des Leitbilds der Schule entwickelt, das durch das Three4Climate-Projekt nun noch weiterwachsen kann. Zu den Einflussmöglichkeiten von Schüler*innen auf lokale Klimapolitik diskutierten im Anschluss Meret Karenfort (Fridays for Future, Klimabeirat Bielefeld) und Carolina Groß (Fridays for Future, Jugendgemeinderat Radolfzell). Obgleich die Forderungen der Jugend in Radolfzell bereits im Rahmen des Jugendgemeinderats in Entscheidungen eingebunden werden, ist der Einfluss auf Lokalpolitik vielerorts sehr begrenzt. Von der Lokalpolitik bei Klimafragen ernst genommen zu werden bleibe, so Karentforth und Groß, eine Herausforderung. Denn Jugendliche in Bielefeld und Radolfzell wollen nicht nur protestieren – sie wollen auch mitgestalten.

Die Studienreise machte deutlich, dass es auf gute Ideen und ambitionierte Akteur*innen ankommt, um konkrete Maßnahmen voranzutreiben. Und das gibt Hoffnung: „Wenn auf kommunaler Ebene etwas passieren kann, das so bedeutend für den Kilmaschutz ist, dann muss das auch auf größeren Ebenen funktionieren können“, sagte Carolina Groß. Wir können jedenfalls auf noch mehr lokale Projekte im europäischen Austausch gespannt sein und freuen uns auf die nächste Three4Climate Studienreise nach Portugal, die vom 29.06. bis zum 01.07.2021 stattfinden wird.

Three4Climate, Linda Beyschlag