Interview

„Auf den Dächern der Leute wird eine riesige Menge Strom erzeugt.“

von GIZ/EUKI, Ada Ámon 

Ada Ámon leitet die Abteilung für Klima- und Umweltangelegenheiten in der Stadtverwaltung von Budapest, welches das EUKI-Projekt Low-Carbon Investment in Budapest durchführt. Laut Forbes Magazine (2015) ist Ada Ámon eine der einflussreichsten Frauen in Ungarn. Sie war eine der drei Gewinnerinnen des Preises „Women in Energy“, der zum ersten Mal im Rahmen der EU-Woche für nachhaltige Energie (2020) verliehen wurde. Vor kurzem haben sie und ihr Projektteam die erste Solarkarte für Budapest erstellt. Diese webbasierte Anwendung zeigt, welcher Teil des Daches für Solarenergie geeignet ist und wie viel Strom dieser erzeugen könnte. Wir haben sie auf der EUKI-Konferenz 2022 getroffen und ihr einige Fragen gestellt:  

Ada, wie ist Ihr Eindruck von der EUKI-Networking-Konferenz?

Es ist großartig, all diese Menschen zu treffen, die in Mittelosteuropa (MOE) für die gleiche Sache arbeiten. Mir ist aufgefallen, dass wir alle unsere eigenen Projekte parallel durchführen, ohne die Ergebnisse, Errungenschaften und Umsetzungsmöglichkeiten der anderen zu kennen. Wenn wir mehr übereinander wüssten, würde dies wahrscheinlich unsere Wirkung verstärken. Wenn wir unsere Arbeit effizienter gestalten können, indem wir uns treffen und den Erfahrungs- und Informationsaustausch verbessern, wird dies stark dazu beitragen, unsere Bemühungen wirkungsvoller zu machen. Die EUKI-Konferenz kommt also der gesamten Klimagemeinschaft zugute, denn die meisten der hier Anwesenden arbeiten in Nichtregierungsorganisationen (NGO) für den Klimaschutz, und jeder profitiert von der Welt der NGO‘s. Ebenso sind Kommunen als Einrichtung sehr hilfreich und bringen der Zivilgesellschaft einen direkten Nutzen.  

Wie wirkt sich, Ihrer Meinung nach, die Energiekrise auf Ihr Land aus? Wie geht Ungarn mit den Folgen um?

Ich denke, dass viele MOE-Länder und insbesondere ihre Regierungen dazu neigen, die Menschen und Haushalte in dem Glauben zu lassen, Energie sei unendlich vorhanden und die Krise nach einer Weile vorbei. Ungarn sowie die ungarische Bevölkerung stehen aufgrund dieser falschen Darstellung, dass die Regierung die Energie für einen langen Zeitraum zu einem niedrigen Preis sichern kann, unter großem Druck. Das stimmt natürlich nicht. Viele in der ungarischen Bevölkerung sind schon fast süchtig danach Energie zu verschwenden, da die Preisverzerrung sie daran gehindert hat, bewusster mit ihrem Energieverbrauch umzugehen.  

Jetzt leben wir immer noch in Häusern mit schlechter Energieeffizienz, weil die Menschen nie Geld für die Isolierung von Wänden, den Austausch von Fenstern und die Sanierung ihrer Heizungsanlagen und -systeme ausgegeben haben. So sieht also die aktuelle Situation aus und alle versuchen das Beste, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Außerdem wurden die EU-Gelder der letzten Wahlperiode bereits ausgegeben, jedoch nicht unbedingt für Klimaschutzmaßnahmen.    

Wir haben dennoch tolle Neuigkeiten gehört: Sie haben die erste Solarkarte für Budapest in Ihrem EUKI-Projekt erstellt. Könnten sie uns bitte davon erzählen? Und welche weiteren Maßnahmen hat Ungarn ergriffen, um die Energieabhängigkeit zu verringern?

Ich bin in der Tat sehr stolz auf den Erfolg unserer Solarkarte. Damit folgt Budapest dem Beispiel Helsinkis, Berlins und anderer europäische Städte, die ihre Bürger über das Solarpotenzial ihrer Dächer informieren. Mit der Karte erkennen wir das Potenzial jedes einzelnen Gebäudes zur Stromerzeugung aus Sonnenkollektoren kennen. Wir haben die Website mit der Solarkarte letzte Woche gestartet und bereits über 80.000 Menschen haben das Potenzial auf ihren Dächern und wie sie davon profitieren können erkundet.    

Derzeit gibt es in Ungarn einen riesigen Solarboom, der sehr positive Auswirkungen hat. Wir haben bereits etwa 3400 MW an Solarkapazität in das System einbauen und in das Stromnetz integrieren können. Ein Drittel davon stammt aus Solarsystemen von Haushalten. Es handelt sich also um eine riesige Menge an Strom, der auf den Dächern der Menschen erzeugt wird. Im Idealfall würden wir diese Menge gerne verdoppeln. Budapest hat große Dachflächen und wir konnten feststellen, dass das technische Potenzial von Budapest bei über 5000 MW liegt. Technisch gesehen ist es möglich, diese Kapazität zu erreichen und umsetzen zu können, was zur Versorgungssicherheit beitragen und die Abhängigkeit von externen Quellen verringern würde. Wir haben eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit der Frage beschäftigt, wie dieses Strompotenzial in der Innenstadt gewonnen werden kann und wie Mehrfamilienhäuser am besten in diese Arbeit einbezogen werden können.  

Technisch gesehen ist es möglich, diese Kapazität zu erreichen und umsetzen zu können, welche zur Versorgungssicherheit beitragen und die Abhängigkeit von externen Quellen verringern würde.

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Wie würden Sie die Rolle der EUKI in Ungarn beschreiben?

Die EUKI ist ein interessantes Finanzierungs- und Förderinstrument, das in der Mitte von privaten Stiftungen, die kleine Vorhaben, Projekte und Initiativen unterstützen, und die direkten Finanzierungsmöglichkeiten der EU wie Horizon 2020, Interreg und LIFE, liegt. Im Vergleich zu diesen Initiativen bietet die EUKI mehr Raum, und ich glaube nicht, dass wir eine bessere Finanzierungsmöglichkeit gefunden hätten, um unser Projekt zu fördern. Die EUKI hat genau die richtige Größe und ist mit viel weniger Auflagen verbunden als andere EU-Förderprogramme. Wir können uns auf unsere eigenen Probleme konzentrieren, diese lösen und unsere Ergebnisse können in andere Projekte einfließen. Wir bauen bereits auf den vorhandenen Informationen, Materialien und Ergebnissen der EUKI-Konferenz auf.   

Die EUKI ist also eine einzigartige Gelegenheit für Initiativen, die nicht in die anderen EU-Förderprogramme passen, aber für die jeweiligen Ländern sehr sinnvoll sind. In Anbetracht der Tatsache, dass es in Mittelosteuropa an entsprechenden Ressourcen mangelt, ist die EUKI ein sehr wichtiges Instrument.  

Ada, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Budapester Solar Map finden Sie hier.