Interview

EUKI-Interview: Minderung von Treibhausgasen in denkmalgeschützten Gebäuden

Anselm Bareis und Nikolas Kockelmann, GIZ/EUKI

Historische Gebäude prägen in Europa vielerorts das Stadtbild. Sie versprühen zum einen romantischen Flair, sind aber oftmals nur unzureichend saniert und wärmegedämmt. Sowohl für den langfristigen Erhalt der Gebäude als auch für das Klima, stellt das ein Problem dar. Ewelina Pekala von der Sendzimir Stiftung arbeitet im EUKI-Projekt „Heritage Buildings“ daran, Treibhausgasgasemissionen in denkmalgeschützten Gebäuden in Polen und Kroatien zu mindern.

Ewelina Pękała, Koordinatorin des Projekts unter der Sendzimir-Stiftung.

Ewelina Pękała, Sendzimir Stiftung. Foto: (c) Ewelina Pękała

Ewelina, Ihr Projekt ist das Erste aller 128 EUKI-Klimaschutzprojekte, das Treibhausgasemissionen in historischen Gebäuden mindert. Warum ist das so wichtig?

In Polen gibt es mehr als 77.000 denkmalgeschützte Gebäude, deren Sanierung mit den Denkmalschutzbehörden abgestimmt werden muss. Diese Zahl ist bei weitem nicht vollständig. Wenn wir alle historischen Gebäude, die 50-60 Jahre alt sind, in Betracht ziehen, kommen wir auf eine stattliche Anzahl von Gebäuden. Da viele dieser Häuser schon lange nicht mehr renoviert wurden, sind die Heizungsanlagen veraltet, die Dächer oder Keller innen unzureichend gedämmt, die Fenster undicht, die Häuser feucht, usw. Es ist wichtig, ein Bewusstsein für die vielen Verbesserungsmöglichkeiten zu schaffen, die in denkmalgeschützten Gebäuden umgesetzt werden können, um die Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren und besseren Wohnraum zu schaffen. Außerdem wird der historische Wert von denkmalgeschützten Gebäuden durch derartige Verbesserungsmaßnahmen in keiner Weise gemindert. Dieses Projekt ist wichtig für viele Interessenvertreter*innen, die sich mit der energetischen Sanierung historischer Gebäude befassen, dabei von den Behörden aber kaum unterstützt werden und nur begrenzt Zugang zu Wissen und Beispielen für bewährte Methoden haben.

„Es ist wichtig, ein Bewusstsein für die vielen Verbesserungsmöglichkeiten zu schaffen, die in denkmalgeschützten Gebäuden umgesetzt werden können, um die Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren und besseren Wohnraum zu schaffen.“

Danke für den Einblick. Wie läuft das Projekt bislang?

Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis der Interviews, die wir in Polen und Kroatien mit Interessenvertreter*innen geführt haben. Unsere Interviewpartner*innen – Vertreter*innen von Ministerien, öffentliche Investoren, Denkmalpfleger*innen, Architekt*innen – haben uns geholfen zu verstehen, wie komplex die energetische Sanierung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet ist. Gravierende Hindernisse müssen überwunden werden, wie z.B. mangelnde Vorschriften für erneuerbare Energien oder die weitgehende Verwendung von natürlichen Baumaterialien. Wir sind aber fest entschlossen, bei den kommenden Projektaktivitäten die vielen zur Verfügung stehenden Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die in historischen Gebäuden angewendet werden können. Wir haben von mehreren erfolgreichen Sanierungsprojekten in unseren Ländern gehört, die zu einer höheren Energieeffizienz führen und bei denen natürliche Materialien mit dem geringsten CO2- Fußabdruck verwendet, erneuerbare Energiequellen installiert und ein Regen- und Schmutzwassermanagementsystem eingeführt wurden. Einige Maßnahmen können potenziell mindernd wirken, andere dienen der Anpassung an den Klimawandel. So zum Beispiel die Wiedereinführung von Kletterpflanzen als Fassadenbegrünung, die eine Zeit lang als gebäudeschädigend angesehen wurden.

Was unterscheidet die energetische Sanierung denkmalgeschützter Gebäude von der Sanierung anderer Gebäude?

Denkmalgeschützte Gebäude müssen nicht die Energieeffizienzstandards erfüllen, die bei Neubauten zwingend erforderlich sind. Wenn wir von der Denkmalpflege dazu angehalten werden, so viel wie möglich unverändert beizubehalten, ist es schwierig, eine höhere Energieeffizienz zu erreichen. Es gibt gewisse Auflagen bei der Auswahl von Technologien und Materialien, die in denkmalgeschützten Gebäuden zulässig sind. So kann die Fassade zum Beispiel nicht gedämmt werden, weil die Verwendung neuer Materialien ihren Wert mindern könnte. Fenster stellen ebenso ein Problem dar. Neue Holzfenster sind kostspielig, wobei eine Instandsetzung der Fenster auch nicht gerade billig ist. Andererseits muss man sich die Frage stellen, ob es nicht nachhaltiger ist, Holzfenster instand zu setzen, statt sie durch Kunststofffenster zu ersetzen. Wahr ist, dass standardisierte Regeln oder allgemein gültige Richtlinien schwerlich festgelegt werden können, wenn an jedes denkmalgeschützte Gebäude individuell herangegangen wird.

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Denkmalgeschützte Gebäude in Lésna, Polen. Foto: (c) Agnieszka Czachowska



Ihr Projekt unterstützt in Polen und Kroatien die Dekarbonisierung und den Übergang hin zu einer höheren Energieeffizienz in Gebäuden. Sind Sie in beiden Ländern mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert?

Das ist allgemein gesehen der Fall. Die Finanzierung teurer Sanierungen gehört zu den größten Herausforderungen in diesen Ländern. Die Sanierung eines alten Gebäudes kostet mindestens doppelt su viel wie ein Neubau, insbesondere wenn es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude handelt. Private Eigentümer*innen sind mit einer Sanierung häufig überfordert und geben die Gebäude lieber auf, weil deren Unterhalt, nicht zuletzt wegen der hohen Heizkosten, zu teuer ist.  Dies führt wiederum zu einem schnelleren Verfall und Verlust des Gebäudebestands. Aus ökologischer Sicht ist der Erhalt eines bestehenden Gebäudes immer eine bessere Alternative als der Bau eines komplett neuen Hauses. In beiden Ländern mangelt es an einer allgemeinen Richtlinie für die Sanierung historischer Gebäude, da bei jedem Gebäude ein individueller Ansatz zum Tragen kommt. Für Investor*innen ist das manchmal frustrierend, weil in einem Landesteil etwas erlaubt ist, was in einem anderen Teil des Landes verboten ist. In Kroatien hat sich die Lage verändert, nachdem viele historische Gebäude bei den beiden Erdbeben im Jahr 2020 beschädigt wurden. Daher war es noch nie so wichtig, finanzielle Mittel für Restaurierungen zu generieren.

„Aus ökologischer Sicht ist der Erhalt eines bestehenden Gebäudes immer eine bessere Alternative als der Bau eines komplett neuen Hauses. “

Um einen Blick in die Zukunft werfen: was müsste in Polen und Kroatien konkret geschehen, um Treibhausgasemissionen in denkmalgeschützten Gebäuden schnellstmöglich zu reduzieren?

Beispiele für bewährte Methoden müssen unbedingt populärer werden. Es muss zum Beispiel erklärt werden, warum es besser ist, die Verwendung von Polystyrol, einem beliebten, billigen und einfach zu verwendenden Dämmmaterial mit einem hohen CO2-Fußabdruck, zu vermeiden. Stattdessen muss die Verwendung natürlicher lokaler Materialien gefördert und auf die natürliche Umgebung von historischen Gebäuden geachtet werden. Der Austausch von Wissen über verfügbare und wirtschaftlich effiziente Lösungen mit den am Sanierungsprozess beteiligten Interessenvertreter*innen ist ein weiterer Aspekt. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch, Lösungsmöglichkeiten mit den Restaurator*innen zu besprechen und sie so in den Dialog über den Nutzen von Klimaschutzmaßnahmen einzubeziehen. All diese Maßnahmen gehören zum Kompetenzbereich der Sendzimir-Stiftung und des Croatia Green Building Council, und wir sind fest entschlossen, diese umzusetzen. Es ist äußerst wichtig, dass die Fördermittel erhöht und weitere Anreize für Eigentümer*innen und Investor*innen geschaffen werden. Glücklicherweise geschieht dies durch die neuen Finanzierungsinstrumente wie den European Green Deal oder die Recovery and Resilience Facility.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen historische Gebäude und alte Innenstädte zwar toll finden, sich aber nur wenige für deren kostspielige und komplexe Restaurierung verantwortlich fühlen. Stimmt das?

Das ist wahr. Wenn wir als Tourist*innen Städte besuchen, möchten wir deren ursprüngliche Architektur sehen. Das ist mit ein Hauptgrund, warum wir uns gerne an solchen Orten aufhalten. Wenn man jedoch in diesen Gebäuden wohnt oder sich an deren Unterhaltskosten beteiligt, verändert sich die Perspektive oft. Da Gebäude einen erheblichen Anteil an der Luftverschmutzung in Städten haben, hat die EU in ihrer Agenda betont, wie wichtig es ist, die Sanierung von Gebäuden zu forcieren. Vielleicht werden uns zukünftige Generationen zum ersten Mal in der Geschichte nicht nur für den Erhalt von historischen Gebäuden zur Rechenschaft ziehen, sondern auch für den Zustand der von uns hinterlassenen Umwelt verantwortlich machen. Zu unserer Überraschung könnten die architektonischen Werte dabei für sie von zweitrangiger Bedeutung sein.

Vielen Dank für das Interview, Ewelina!