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Energiesicherheit in Europa – Nationale Perspektiven Teil 2: Bulgarien

von Tanja Maximow, GIZ/EUKI

Der Einmarsch des Kremls in die Ukraine und die dadurch gestiegenen Preise für fossile Energieträger haben einmal mehr das Dilemma der europäischen Energieversorgung deutlich gemacht und den Ruf nach Energieautonomie in EU-Ländern laut werden lassen. Russlands Stopp der Gaslieferungen an Bulgarien und Polen ist nun ein weiteres Zeichen, welches hohe Risiko die Abhängigkeit von fossiler Energie für die europäische Versorgungssicherheit darstellt.

Nach Angaben der EU-Kommission sind 20 EU-Staaten stark auf Gas, Öl und Kohle aus Russland angewiesen. Etwa 40 % des in der EU verbrauchten Erdgases stammen aus der russischen Föderation. Immer mehr EU-Länder streben nun einen Ausstieg aus der russischen Energieversorgung an. Mit den Ausstiegsbestrebungen stellt sich auch die Frage nach der Energiesicherheit. Innerhalb der EU-Länder gibt es unterschiedliche Ausgangsbedingungen und Handlungsoptionen: Während die Europäische Union klar auf Energieeffizienzmaßnahmen, den Ausbau erneuerbarer Energien und die Diversifizierung von Energiequellen und -lieferwegen setzt, können einige europäische Länder ihre Energiesicherheit auf kurzfristige Sicht nur durch die Rückkehr zum Kohleabbau oder die vermehrte Nutzung von Kernenergie erreichen.
Auf der EUKI Academy Veranstaltung Russian Invasion of Ukraine: Implications of Energy Transition in CEE  sprach Ruslan Stefanov, Programmdirektor und Chefökonom beim Center for the Study of Democracy und Projektpartner im EUKI Projekt Distributing the Impacts of Carbon Pricing in CEE zu Bulgariens Umgang mit der aktuellen Energiekrise und die nationalen Strategien zur Sicherstellung der Energieversorgung.

Bulgarien – schnelle Energiealternativen gefragt

Am 27. April 2022 kündigte Russland an, seine Gaslieferungen an Bulgarien einzustellen. Zu diesem Zeitpunkt war das Land fast vollständig von russischem Gas und Öl abhängig. Gazprom lieferte 85-90% des Gases. Noch immer werden 60 Prozent des bulgarischen Erdöls über die einzige bulgarische Raffinerie bezogen, die sich ebenfalls im Besitz eines russischen Energieunternehmens befindet. Die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen lässt dem Land wenig Spielraum, kurzfristige Lösungen zu finden. Noch Mitte März erklärte Ruslan Stefanov, Programmdirektor und Chefökonom beim Center for the Study of Democracy im EUKI Academy Seminar „Russian Invasion of Ukraine: Implications of Energy Transition in CEE“:

„Die bulgarische Regierung war nicht auf einen Krieg in der Ukraine vorbereitet. Es handelt sich um eine junge Regierung, die vor vielen Herausforderungen steht. Darunter die EU-Erweiterungen auf dem westlichen Balkan, die Energiewende und den Klimawandel. Bulgarien ist ein Land, das zumindest öffentlich am wenigsten bereit ist, eine härtere Position gegenüber Russland zu unterstützen. Das gilt sowohl für den militärischen Bereich als auch für die Energiepolitik. Die Regierung kündigte an, dass es für Bulgarien nicht möglich sein wird, die Energiebeziehungen zu kappen, da Bulgarien sehr abhängig von russischem Gas und Öl ist.“

Doch bereits in den ersten Wochen nach Ausbruch des Kriegs fand ein Umdenken in der bulgarischen Politik statt. Trotz der hohen Abhängigkeit kündigte das Land Mitte März an, den 2022 auslaufenden Vertrag mit Gazprom nicht zu verlängern und seinen Erdgasbedarf anderweitig zu decken. Denn auch Bulgarien hat in den letzten Jahren den Bau einer Pipeline vorangetrieben, die das bulgarische Netz mit Griechenland verbindet. Der „Greece-Bulgaria Interconnector“ soll im Sommer 2022 in Betrieb gehen und könnte die südosteuropäische Energielandkarte neu gestalten.

Nachdem Gazprom Ende April seine Gaslieferungen an Bulgarien einstellte, musste das Land schnell handeln. Die EU-Kommission und Bulgarien einigten sich darauf, eine regionale Taskforce in Sofia einzurichten. Die bulgarische Infrastruktur will nun die freigewordenen Kapazitäten des Trans-Balkan-Streams nutzen, um die Gas- und Stromverteilung in der Region zu koordinieren und Flüssigerdgas (LNG) über die Türkei und Griechenland zu transportieren. Mit dem Ziel, die Energiesicherheit in Südosteuropa zu sichern, traten am 5. Mai 2022 auch Aserbaidschan, Griechenland, Nordmazedonien, Rumänien und Serbien, der regionalen Taskforce bei.

Liquefied natural gas tanker

Liquefied natural gas tanker, © Flickr 2022

Auf dem Weg zu mehr Energieunabhängigkeit hat das bulgarische Energieministerium den schnellen Bau eines weiteren Atomreaktors in Auftrag gegeben, denn „auch unsere gesamte Kernenergie stammt von Russland gebauten Kraftwerk“, wie Stefanov im Academy-Talk erwähnte.

CEE Bankwatch, die durchführende Organisation des EUKI Projekts „Energiewendedialog in Mittelosteuropa“ fordert, dass Bulgarien seine Abhängigkeit von russischer Energie sofort beenden muss. Die Organisation, die mit ihrem EUKI Projekt die Chancen und sozioökonomischen Vorteile der Energiewende der Bevölkerung und Öffentlichkeit in Mittel- und Osteuropa vermitteln will, kritisiert den Bau des geplanten Atomkraftwerks als konträr zu einer nachhaltigen bulgarischen Energiewende. Todor Todorov von CEE Bankwatch dazu: „Der Bau neuer Kernkraftwerke in Bulgarien sollte aus offensichtlichen ökologischen und finanziellen Gründen nicht in Frage kommen. Es ist an der Zeit, sich endlich nachhaltigen Lösungen zuzuwenden, um die Energieunabhängigkeit des Landes zu erhöhen, die Natur zu schützen und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.“ Langfristig führt auch für Bulgarien kein Weg an Reformen für eine schnellere und gerechte Energiewende vorbei.

Als Alternative plant die bulgarische Regierung den Aufbau eines nationalen Energiespeichernetzes. Stefanov kritisiert diese Pläne:

„Die geplante Investition der bulgarischen Regierung 1,5 Milliarden des Konjunkturprogramms in Batteriespeicher zu setzen, halte ich für ein Glücksspiel. Länder ohne großes Eigenkapital und mit einem hohen Anteil an Energiearmut in der Bevölkerung, sollten in das investieren, was sich bereits bewährt hat: Energieeffizienz, Investitionen in erneuerbare Energien wie Windenergie on- und offshore oder eine Dezentralisierung der Stromerzeugung. Langfristig müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es im Hinblick auf die Energiesicherheit am besten wäre, wenn wir uns auf erneuerbare Energien konzentrieren und wenn wir und Europa auch in Forschung und Entwicklung investieren.“

Lesen Sie hier auch: Energiesicherheit in Europa

Teil 1: Polen

Teil 3 Rumänien