Interview

EUKI-Interview: Nachhaltige Gebäude in Europa

by GIZ/EUKI & Retrofit HUB

Gebäude sind nicht nur ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens, sondern auch sehr schwer zu dekarbonisieren. In den letzten Jahren hat sich trotz der Anstrengungen im Klimaschutz nicht genug darin verändert, wie wir bauen, renovieren, nachrüsten und umgestalten. Warum ist die Minderung von Emissionen im Gebäudesektor so schwierig? Und wie können nachhaltige Gebäude in Europa mehr in den Fokus rücken? Darüber haben wir mit Projektleiter Aleksandar Jelovac, Landschaftsarchitektin Ana Šenhold und Bauingenieur Marko Markic aus den EUKI-Projekten Retrofit HUB und Heritage Buildings gesprochen.

Retrofit HUB-Team: Aleksandar Jelovac, Ana Šenhold und Marko Markić

Retrofit HUB-Team: Aleksandar Jelovac, Ana Šenhold und Marko Markić, Photo: EUKI

Der Gebäudesektor ist für 40% des Energieverbrauchs und 36% der Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union verantwortlich. Woher stammen diese überwältigenden Zahlen?

Aleksandar: Die meisten Menschen denken hier zuerst an die Kosten für die Nutzung von Gebäuden und die damit verbundene Energie. Das nennen wir betrieblichen CO2-Ausstoß (operational carbon). Dann gibt es aber auch den Bereich, der sich um die Gewinnung von Ressourcen, die Produktion von Materialien, ihren Transport zu den Baustellen, ihre Verarbeitung und den Abbau dreht. Letzteren nennen wir gebundenen Kohlenstoff (embodied carbon), der bereits stolze 11-12% der Emissionen ausmacht und bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. Wir müssen uns auf beide Bereiche konzentrieren.

Warum ist der Gebäudesektor ein solches Problemkind?

Ana: Im Grunde haben wir es mit zwei verschiedenen Arten von Gebäuden zu tun. Auf der einen Seite geht es um alte Gebäude, auf der anderen Seite um den Bau von neuen Gebäuden. Im Hinblick auf neue Gebäude ist es einfach mit einem Gesetz festzulegen, dass nur noch Niedrigstenergiegebäude gebaut werden dürfen. Oder dass Neubauten mit einem bestimmten Kühlungs- oder Heizsystem ausgestattet sein müssen. Im Hinblick auf bestehende Gebäude ist es allerdings viel schwieriger Gesetze zu erlassen, die wirkliche Veränderungen bewirken. In Kroatien ist das eine echte Herausforderung, lässt sich aber auch auf die gesamte EU übertragen.

Marko: So ist es. Und in ganz Europa ist die Frage doch: wer wird diese Gebäude bewohnen? Die europäische Bevölkerung verzeichnet kein echtes Wachstum. Wofür brauchen wir all die Neubauten also wirklich? Bei der Nachrüstung und Renovierung von Gebäuden gibt es zwar Lösungen, aber ab einem gewissen Punkt muss man über die Machbarkeit nachdenken. Sind die Kosten für eine Renovierung höher als ein Neubau mit besseren Standards? Wie wird mit historischen Gebäuden und solchen unter Denkmalschutz verfahren? Natürlich werden wir sie nicht einfach abreißen. Aber wir brauchen mehr und bessere Machbarkeitsstudien, um beantworten zu können ab wann eine Renovierung oder ein Neubau sinnvoller ist.

Danke für die Einordnung! Was sind die speziellen Schwierigkeiten in eurem Heimatland Kroatien?

Marko: In Kroatien ist die Finanzierung öffentlicher Gebäude eine besondere Herausforderung. Es gibt zwar immer irgendwelche Subventionsprogramme, aber der bürokratische Aufwand ist sehr mühsam. Gerade wenn man in nachhaltige Technologien und Renovierungen nach dem ESCO-Modell investieren möchte. Hinzu kommt, dass in Kroatien Mehrfamilienhäuser im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern meist nicht einer einzigen Person gehören. Manchmal sind es mehr als 100 Eigentümer. Und dann braucht man die Einwilligung aller Beteiligten. Eine andere Sache, die wir schnell klären müssen, sind die Bauvorschriften. Es gibt noch keine gesetzliche Lösung für die Installation von erneuerbaren Energiequellen auf den Dächern solcher Mehrfamilienhäuser. Das muss die Regierung in die Hand nehmen und kann dabei sicher von anderen europäischen Mitgliedsstaaten lernen.

Ana: Ich denke außerdem, dass die Zentralisierung in Kroatien ein großes Problem darstellt – wie in einigen anderen Teilen Europas sicher auch. Kleingemeinden werden wegen fehlenden Arbeitsplätzen und mangelnder finanzieller Unterstützung aufgegeben. Die Leute ziehen in die Großstädte, wo am laufenden Band neue Gebäude errichtet werden, während in den ländlichen Gebieten noch nicht genug auf Umrüstung und Renovierung gesetzt wird.

Was genau wollt ihr mit Eurem Projekt Retrofit HUB erreichen?

Aleksandar: Mit unserem Projekt wollen wir die Dekarbonisierung von Gebäuden vereinfachen. Dazu identifizieren wir in einem ersten Schritt die größten Emittenten – in Kroatien sind das die Wohngebäude. Dann erstellen wir einen maßgeschneiderten Plan für ihre Dekarbonisierung und holen alle Beteiligten mit ins Boot. Das sind die Bewohner*innen, Gebäudemanager*innen, Ministerien und so weiter. Wir involvieren sie durch Aufklärung oder in dem wir mehr Fachpersonal für technische Anliegen dazu holen, um zum Beispiel erneuerbare Energiequellen zu finden oder Wärmepumpen zu installieren. Eine große Herausforderung ist die Kommunikation! Denn sie gestaltet sich nicht nur unter den Bewohner*innen schwierig, sondern auch in den Ministerien auf nationaler Ebene. Daher ist ein großer Vorteil unseres Projekts, dass wir mit unseren Veranstaltungen und Trainings alle Beteiligten an einen Tisch holen. Dann kommen sie ins Gespräch, tauschen Ideen aus und eine fruchtbare Zusammenarbeit entsteht. Durch die schlimme Situation in der Ukraine nehmen wir außerdem ein wachsendes Interesse an Renovierungen wahr und hoffen diese Dynamik nutzen zu können.

Marko: Genau! Denn wenn eines die Menschen in Richtung erneuerbare Energien bewegt, dann ist es Energieunabhängigkeit!

„Unsere Partner in Polen bestätigten, dass es schwer ist mit Stakeholdern in Kontakt zu kommen. In Kroatien haben wir bei Gebäudemanager*innen glücklicherweise ein großes Interesse erlebt.“

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Als Nebeneffekt der aktuellen Energiekrise geht die Nachfrage nach Wärmepumpen in Deutschland gerade durch die Decke. Und doch fehlt es an Handwerker*innen, die diese installieren können. Ist das in Kroatien gerade ähnlich?

Aleksandar: Ja, das ist in Kroatien gerade genauso. Durch die fehlenden Arbeitskräfte sind die Preise noch einmal zusätzlich gestiegen. Aber selbst Menschen mit viel Geld, die prinzipiell jeden Preis zahlen könnten, müssen sich aktuell durch die unglaublich hohe Nachfrage hintenanstellen.

Marko: Ich bin dennoch davon überzeugt, dass das nur vorübergehend so ist und sich irgendwann einpendeln wird. Aber auch Wärmepumpen brauchen Strom. Was wir wollen, sind nachhaltige Wärmepumpen, die mit erneuerbaren Energiequellen verbunden sind. Zagreb mit seiner regionalen Zentralheizung ist ein gutes Beispiel, das funktioniert sogar noch besser als mit Wärmepumpen, denn es ist schwer möglich Wärmepumpen in bestehenden Mehrfamilienhäusern zu installieren. In Wohngebäuden mit individuellen Heizanlagen, mit Boiler und Schornstein etwa, sind Wärmepumpen wahrscheinlich die einzige Lösung. Aber auch nur dann, wenn sie in dicht besiedelten, urbanisierten Gegenden stehen. Und wo wir die Wärme nicht aus dem Boden holen können, versuchen wir die Energiequellen auf die Dächer zu verlagern.

Vielen Dank für Eure Antworten! Die letzte Frage ist ein kleines Gedankenexperiment: wir leben im Jahr 2050, die EU ist klimaneutral und der Gebäudesektor komplett dekarbonisiert. Was ist passiert?

Aleksandar: Das ist eine sehr schöne, wenngleich auch komplexe Frage. Die Vorhaben der Europäischen Kommission und die Ziele des Europäischen Green Deal werden zum absoluten Mainstream und die Leute beginnen über die richtigen Fragen nachzudenken. Firmen, die fossile Brennstoffe gefördert haben, verlieren ihren Markt und stellen um auf grüne und nachhaltige Themen. Die Kommunikation verbessert sich und alle arbeiten energisch und Hand in Hand auf diese gemeinsamen Ziele hin. Man denkt jetzt in Lösungen und es entstehen ständig neue Ideen. Leute mit guten Ideen werden gehört, gesehen und unterstützt, so dass zügig neue und wirkungsvolle Projekte umgesetzt werden.

Ana: Plus, alle unterstützen sich gegenseitig und leisten ihren bestmöglichen Beitrag auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Das ist sehr wichtig, denn die unterschiedlichen Länder und Gesellschaften haben nicht die gleichen Möglichkeiten, gleichermaßen auf diese Ziele hinzuarbeiten.

Aleksandar: Dem stimme ich zu! Wohlhabende Länder tragen sicher eine größere Verantwortung. Aber am Ende sitzen wir alle im selben Boot. Von daher, lasst uns hoffen, dass wir in 2050 wieder zusammensitzen und über das Jahr 2022, unsere Unterhaltung, und was in den Jahren bis zur Klimaneutralität alles passiert ist, sprechen können.

Das ist eine wundervolle Perspektive und ein optimistischer Abschluss für dieses Interview. Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

„Sobald jemand anfängt in Lösungen zu denken, taucht eine Lösung am Horizont auf.“

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