Interview

EUKI-Interview: Architects for Future

Anselm Bareis and Luciana Lerho, GIZ/EUKI

Wir haben mit Lubica Simkovicova gesprochen, die das erste EUKI-Architekturprojekt leitet. „ClimArchiNet“ zielt darauf ab, die Herangehensweise an die Bauplanung in der Slowakei und Tschechien zu ändern. Als größte Herausforderungen für die beiden Länder identifiziert sie die Fragmentierung der Zuständigkeiten zwischen mehreren Ministerien, gesetzgeberische Defizite und ein Mangel an Interesse am Klimaschutz unter den Architektinnen und Architekten selbst. Deshalb bringt das Projekt die verschiedenen Gruppen an einen runden Tisch und sensibilisiert Architekt*innen für innovative und gleichzeitig nachhaltige Bauvorhaben und Renovierungsmaßnahmen.

Portrait Lubica Simkovicova

Lubica Simkovicova – Projektleiterin von „ClimarAchiNet“; Foto: Lubica Simkovikova

Lubica, unter unseren über 100 EUKI-Projekten – von denen viele im Gebäudesektor arbeiten – ist Ihres das erste, das sich speziell an „Klimaarchitekt*innen“ richtet. Können Sie bitte erläutern, warum es ein „Klimaarchitekt*innen-Netzwerk“ braucht und inwieweit andere Gruppen gezielt darauf angesprochen werden, sich zu beteiligen?

Architektinnen und Architekten spielen eine Schlüsselrolle bei der Planung von Gebäuden. Bevor sie den ersten Strich zu Papier bringen, benötigen sie eine Menge an Informationen. Außerdem gibt es neue Anforderungen, die nicht von der EU, sondern von der Natur vorgegeben werden. Deshalb müssen sie den Klimawandel bei der Planung grundsätzlich berücksichtigen. Dies trifft nicht nur auf den Energieverbrauch des jeweiligen Gebäudes zu, sondern gilt auch für die beim Bau verwendeten Materialien und den Energieverbrauch, der für deren Herstellung erforderlich ist. Sie müssen die gesamte Lebensdauer des Gebäudes vom Bau bis hin zum Abriss in Betracht ziehen. Sie müssen an den Schutz der Artenvielfalt in Städten denken und Maßnahmen für die Anpassung an den Klimawandel vorschlagen. Und bei all dem, müssen sie die architektonische Qualität und Kultur von neuen und bestehenden Gebäuden wahren.

Die Energieeffizienz von Gebäuden war schon immer eher ein Thema für Techniker*innen als für Architekt*innen. Für die Anforderungen an eine höhere Energieeffizienz wurden technische Lösungen gefunden, wie zum Beispiel verbesserte thermische Parameter für die Gebäudehülle, der Austausch von Fenstern, eine höhere Luftdichtheit von Gebäuden, der Austausch von veralteten gasbasierten Wärmequellen gegen moderne erneuerbare Energiequellen – wie Wärmepumpen oder Photovoltaik-Module. In Anbetracht der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) von 2010 und deren Novellierungen wurden in der Slowakei die Anforderungen an Gebäude sukzessive verschärft. Seit dem 1. Januar 2021 sind Architekt*innen in der Slowakei verpflichtet, nur noch Niedrigstenergiegebäude zu planen und zu bauen.

Die Fachleute hatten Zeit, sich allmählich auf diese Aufgaben vorzubereiten, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Dieses Problem ist größtenteils auf die Fragmentierung der Zuständigkeiten zwischen mehreren Ministerien zurückzuführen, was die Bemühungen um eine Verbesserung der Bedingungen und die schnellere Entwicklung einer nachhaltigen Architektur in der Slowakei und in Tschechien weiter erschwert.

„Architektinnen und Architekten spielen eine Schlüsselrolle bei der Planung von Gebäuden. Bevor sie den ersten Strich zu Papier bringen, benötigen sie eine Menge an Informationen. Außerdem gibt es neue Anforderungen, die nicht von der EU, sondern von der Natur vorgegeben werden.“

Mit der sogenannten „Renovation Wave“ hat die EU weitreichende politische Maßnahmen zur langfristigen Eindämmung der hohen Emissionen im Gebäudesektor verabschiedet. Inwiefern könnten Architekt*innen, mit denen Bauvorhaben oft beginnen, mehr zur Lösung von Problemen in diesem Bereich beitragen?

Architektinnen und Architekten sind kreativer Bestandteil von Lösungen und sollten bei einer Modernisierung immer einbezogen werden. Es gibt viele Beispiele für unzureichende oder falsche Designlösungen, bei denen Gebäude ihrer Identität beraubt wurden. Diese Tendenz ist speziell bei den typischen Plattenbauten in den ehemaligen sozialistischen Ländern zu beobachten, wo die Modernisierung von Gebäuden sehr oft zu neuen Fassaden mit bizarren Farben und Mustern geführt hat und so das Stadtbild verschandelt hat.

Ein anderes sehr wichtiges Thema ist die Frage, wie die Mieterinnen und Mieter einbezogen werden können. In der Slowakei machen Mietende den Großteil unter den Anwohner*innen von Blocks und Häusern aus. Einige Gebäude sind bereits in einem sanierten Zustand, wenn auch nur teilweise bzw. unzureichend. Daher muss auch den Mieterinnen und Mietern etwas Neues geboten werden. Architekt*innen können einen neuen Mehrwert bieten. Sie können den Wohnungseigentümer*innen neue Gebäudefunktionen vorschlagen, wie z. B. neue innovative Lösungen für Fassaden, Balkone, externe Schattenspender, vertikale Gärten, die Bepflanzung und neue Funktionen von Dächern und der unmittelbaren Umgebung der Gebäude. Für Architekt*innen bieten sich große Chancen, und sie können eine wichtige Rolle bei der Transformation zu einem CO2-neutralen Gebäudesektor spielen.

Darüber hinaus ist das Neue Europäische Bauhaus eine sehr interessante Initiative, die von der EU im Rahmen der Modernisierungswelle gestartet wurde. Was die Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen über das Neue Europäische Bauhaus gesagt hat, spricht für sich. Unser Institut möchte sich mit unserem Können und Wissen und mit Engagement daran beteiligen.

Der vollständige Name Ihres EUKI-Projekts lautet aus dem englischen Übersetzt „Architekt*innen entwerfen klimafreundliche Innovationen für Gebäude“. Können Sie uns ein konkretes Beispiel für eine solche klimafreundliche Designlösung nennen?

Klimafreundliche Designlösungen für Gebäude bilden eine Synergie von Eindämmungs- und Anpassungsmaßnahmen, was sehr inspirierend ist. Es wird angenommen, dass bis zum Ende des Jahrhunderts fast 70 % der Menschheit in Städten leben wird. Deshalb müssen unsere Gebäude klimaresilient werden.

Dafür gibt es bereits großartige Beispiele, von denen das Eco-Cartier Clichy Batignoles in Paris am meisten hervorsticht:

Clichy Batignolles liegt im Nordosten von Paris auf 54 Hektar rund um den Martin-Luther-King-Park. Die Architektur der Gebäude optimiert die Vorteile des Parks und die Möglichkeit, Wohnhäuser mit einer Höhe von bis zu 50 Metern zu bauen. Die einzelnen Projekte sind eine interessante Mischung aus architektonischen Ansätzen, unter anderem von so klangvollen Namen wie Renzo Piano, Odile Decq, Querkraft Architekten, Karawitz, Chartier-Dalix. Der Öko-Stadtteil Clichy-Batignolles ist ein Modell für nachhaltige Stadtentwicklung. Das Projekt begann 2002. Dabei werden die ehrgeizigen Ziele der Stadt im Hinblick auf funktionale und soziale Vielfalt, Energieeffizienz, Treibhausgasreduzierung, Biodiversität und Wassermanagement umgesetzt.
Durch die Kombination von Energieeinsparungen und erneuerbaren Energien will das Öko-Stadtviertel CO2-neutral werden. Alle Gebäude müssen die Kriterien eines Passivstandards erfüllen, wozu bereits die Gestaltung der Gebäude beiträgt. Über eine Fläche von 35.000 m2 sind auf den Dächern Photovoltaik-Module angebracht, die bis zu 40 % des Stromverbrauchs des Viertels decken. 85 % der für Heizung und Warmwasser benötigten Energie werden aus erneuerbarer Geothermie gewonnen. Die 6.500 m2 großen Grünflächen des Stadtteils sind Orte der Entspannung inmitten einer betriebsamen Stadt.

„Klimafreundliche Designlösungen für Gebäude bilden eine Synergie von Eindämmungs- und Anpassungsmaßnahmen, was sehr inspirierend ist. Es wird angenommen, dass bis zum Ende des Jahrhunderts fast 70 % der Menschheit in Städten leben wird. Deshalb müssen unsere Gebäude klimaresilient werden.“

Bis zu 40% der CO2-Emissionen entfallen weltweit auf den Bausektor, einschließlich der Gebäude und deren Betrieb. Wie wollen Sie dieses Problem bei tschechischen und slowakischen Architekt*innen thematisieren und eine größere Öffentlichkeit einbeziehen?

Es ist sehr wichtig, gesetzgeberische Defizite und fehlerhafte Regulierungen zu identifizieren. Wir haben ein Expertenteam zusammengestellt, das im Rahmen von Runden Tischen und Workshops auf eine Verbesserung der Situation hinarbeiten wird. Wir erwarten, dass die Bedingungen verbessert werden, damit die Anforderungen an einen CO2-neutralen Gebäudesektor besser umgesetzt werden können. Wir werden eine Studienreise für Architek*innen und Fachleute organisieren und gemeinsam innovative Gebäude und Stadtviertel in Österreich und Deutschland besuchen.
Zur Bewusstseinsbildung wird eine Konferenz mit internationalen Teilnehmern stattfinden, die den Austausch von Know-how und die Vernetzung der Teilnehmer zum Ziel hat.

Für dieses Projekt bereiten wir auch die Online-Plattform ClimArchNet vor, auf der wir die Empfehlungen der Expertengruppe, Beispiele für bewährte Praktiken zur Verringerung des Energieverbrauchs von Gebäuden und Erfahrungen aus der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit veröffentlichen werden. Die Online-Plattform wird auch für den kommerziellen Bereich attraktiv sein.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Transformation hin zu einem zeitgenössischen Planungsansatz in der Slowakei und in Tschechien?

Beide Länder haben vor allem mit dem unzulänglichen Bildungsniveau der Architekt*innen und dem geringen Interesse an diesem Thema zu kämpfen. Das fehlende Interesse beruht meistens auf einem Mangel an Informationen. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, da viele noch keine praktischen Erfahrungen im Beruf haben und nicht wissen, welchen Einfluss das Design, moderne Materialien sowie neue Technologien haben. Das gilt nicht nur auf den Energieverbrauch beim Betrieb von Gebäuden, sondern auch bei der Menge der gebundenen Energie, weil der Primärenergieverbrauch der Schlüsselparameter ist. Es ist eine Art Teufelskreis, aus dem wir einen Weg hin zur CO2-Neutralität finden müssen.

Ein Blick in die Zukunft: Was denken Sie, wo stehen der tschechische und der slowakische Bausektor in den Jahren 2030 und 2050 im Hinblick auf Treibhausgasemissionen?

Ich möchte mit dem berühmten Zitat „Ich habe einen Traum“ beginnen. Es sollte aber kein Traum bleiben. Beide Länder haben sich verpflichtet, im Jahr 2050 klimaneutral zu sein. Die-se Verpflichtung sind beide Länder bei der COP25-Konferenz in Madrid im vergangenen Jahr eingegangen.

Die Slowakei hat einen integrierten nationalen Energie- und Klimaplan verabschiedet, der bis 2030 umgesetzt werden soll. Die Regierung hat die Strategie zur Verringerung der CO2-Emissionen in der Slowakei bis 2030 verabschiedet, bei der sie von einer Reduzierung der Emissionen um 47 Prozent ausgeht. Im Oktober legte sie den Nationalen Integrierten Reformplan mit dem Titel „Moderne und erfolgreiche Slowakei“ vor, in dem bereits davon die Rede ist, dass die Slowakei die Emissionsgrenzwerte bis 2030 um 53 Prozent senken will.

Im vergangenen Jahr haben sich das Passivhaus Institut der Slowakei und das Passivhaus Zentrum mit dem Manifest 2020 und Architects for Future an Architekt*innen und die Bauindustrie gewandt. Diese ehrgeizigen Initiativen dienen auch als Inspiration und Motivation, damit die gesetzten Ziele erreicht werden.

Vielen Dank für das Interview, Lubica!